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Tolkiens Wurzeln - Leseprobe

Galadriels Spiegel

Galadriels Spiegel

Was du sehen wirst, wenn du dem Spiegel Freiheit läßt,
auf seine Weise zu wirken, weiß ich nicht.
Denn er zeigt manches das war, und manches, das ist,
und manches, das vielleicht sein wird.”

- HdR - 2. Buch 7. Kapitel

Als die Ringgemeinschaft die Minen Morias hinter sich gelassen hat, sucht sie die Wälder von Lothlórien auf. Dort finden die Gefährten Besinnung und Ruhe, die sie die Strapazen ihrer Reise für kurze Zeit vergessen lassen. Als der Abschied wieder näher rückt, treffen Frodo und Sam eines Abends auf Königin Galadriel. Die Elbin führt sie zu einem von Baumwurzeln umrankten Sockel, auf dessen Oberseite sich eine flache Silberschale befindet, die sie als ihren „Spiegel“ präsentiert.

Sam, hin- und hergerissen zwischen Angst und kindlicher Neugier vor dem zu erwartenden Elbenzauber, traut sich als Erstes hineinzuschauen, erblickt aber nur wenig erfreuliche Bilder aus dem entfernten Auenland.

Als Frodo hineinschaut, sieht er sich zum ersten Male bewusst mit dem unheilvollen Auge Saurons konfrontiert, welches danach trachtet, den Aufenthaltsort seines verlorenen Ringes auszumachen. Erschrocken weicht der Hobbit zurück, worauf Galadriel ihm einige Hintergründe über die Ringe der Macht und die Möglichkeiten ihres Spiegels offenbart.

Mythos:

Die Edda berichtet über eine Wanderschaft des Göttervaters Odin (s. Gandalf ), der den uralten und weisen Riesen Mimir aufsucht, um einen Blick in dessen wundersamen Brunnen zu werfen. Das Wasser darin ermöglicht einem die Gabe der universellen Innenschau. Als der Gott davon zu trinken begehrt, verlangt der Riese als Gegenwert eines von Odins Augen. Der Gott willigt ein und fortan ruht dieses Auge auf dem Grund des Brunnens. Im Austausch erhält der nun einäugige Odin die Gabe der seelischen Innenschau, die es ihm erlaubt, einen Blick hinter die Dinge zu werfen. Die dahinter liegende Symbolik zeigt deutlich, dass jener, der “sehend” wird, einen Teil seiner bisherigen Sichtweise opfern muss, um die neue “ganzheitlichere” Sicht der Dinge auch annehmen zu können. Gleichzeitig beweist der Suchende durch sein zu erbringendes Opfer, wie ernst gemeint ihm sein Anliegen ist.

Der wohl bekannteste Zauberspiegel findet sich in dem Märchen von Schneewittchen, worin eine dunkle Königin ihren Wandschmuck immer wieder nach der Bestätigung ihrer Schönheit befragt. Schon in der Antike galt der Spiegel in erster Linie als ein Symbol der Eitelkeit und selbsterzeugten Wollust. Lange bevor der Mensch poliertes Glas für seine schönheitlichen Zwecke verwendete, betrachtete er sich in Pfützen und stehenden Gewässern, was den gleichen Zweck erfüllte. Wie stark die Anziehungskraft des eigenen Spiegelbildes werden kann, zeigt die Sage des griechischen Narziss, der, als er sich im Wasser erblickte, sogleich in sich selbst verliebte.

Da der Spiegel Betrachter und Abbild auf eine unsichtbare, feinstoffliche Weise miteinander verbindet, erhielt er schon früh einen magischen Stellenwert, da er, neben divinatorischen Zwecken (s. auch Palantir), ebenfalls dazu verwendet werden konnte, die Seele oder Lebenskraft eines Menschen festzuhalten. Der Volksglaube, beim Tod einer Person alle Spiegel des Hauses zu verhängen, damit ihre Seele sich darin nicht verfange und ihr der Übergang in die Totenwelt nicht verwehrt bleibe, erinnert noch an diese Vorstellung. Von Vampiren, den untoten Geschöpfen der Nacht, heißt es hingegen, sie besäßen kein Spiegelbild, was ein Hinweis auf ihre seelenlose Hülle ist.

Im Bereich der Fantasy und des modernen Science Fiction fungieren spiegelglatte Oberflächen häufig als Durchgänge in andere (Seelen-)Räume oder als Dimensionstore. Im Märchen allerdings ist es zumeist noch ein Brunnen: Wer in diesen fällt oder springt, wacht in einem anderen (Traum-)Land auf.

Deutung:

Galadriels Spiegel erweist sich als eine Art sybillisches Wasserorakel, wie es uns in Geschichten von weissagenden Quellen-Nymphen berichtet wird. “Berühre das Wasser nicht” ermahnt Galadriel Frodo, was die Kraft des Zauberspiegels entweihen, sprich verunreinigen würde, da nur eine klare Fläche befähigt ist, das ungetrübte Bild einer möglichen Zukunft aufzuzeigen. Zuvor aber muss das Wasser aus einer fließenden, sich in ständiger Bewegung (gleich der Zukunft) befindlichen Quelle geschöpft werden, da abgestandenes Wasser schnell trübe wird und somit ebenfalls ungeeignet ist.

Wie schon die Bezeichnung verrät, blickt der Betrachter in das Spiegelbild seines Ichs, unter dessen Oberfläche all seine Ängste, Sehnsüchte, Träume und Hoffnungen schlummern. Dies “Wasser des Lebens” symbolisiert nun das ureigenste Element der menschlichen Seele, die, wann immer sie wahrhaftig tief berührt wird, über unseren Körper Tränen oder andere Körperflüssigkeiten produziert. Diese Tränen, ganz gleich ob aus Rührung, Freude, Trauer oder Wut vergossen, schmecken salzig, gleich dem unendlich großen Urozean, aus dem wir vermutlich alle einst hervorgetreten sind.

In der Psychologie und Traumdeutung steht das weite und undurchdringliche Meer mit all seinen faszinierenden Geheimnissen und Schrecken für das kollektive Unbewusste, jenen unfassbaren, nicht zu bestimmenden Raum, der in sich die Summe aller jemals gelebten und noch zu erlebenden Emotionen und den damit verbundenen Erkenntnissen enthält. Tauchen im Traum Seen, Teiche oder Brunnen auf, enthalten sie oft wichtige symbolische Hinweise unseres Gefühlslebens.

Sam, der Getreue

Immer weiter schleppte er sich und Frodo, höher und höher,
im Zickzack, um die Steigung zu vermindern,
oft nur noch vorwärts stolpernd, und zuletzt im Tempo einer Schnecke
mit einem schweren Haus auf dem Rücken.

- HdR - 6. Buch 3. Kapitel

Sam ist ein kleiner gewöhnlicher Gärtner in Hobbingen, der von seinem Vater, dem angesehenen Ohm Gamdschie, diesen Dienst im Garten von Beutelsend, dem Sitz der Beutlins, übernommen hat. Hier lehrt ihn Bilbo Lesen und Schreiben und dort erfährt er auch erstmals von Geschehnissen um den Ring, während er unter Frodos Fenster lauscht. Der ihn dabei ertappende Gandalf bestimmt darauf, dass Sam seinen Herrn auf der langen und gefährlichen Wanderung begleiten soll. Dass dies einer der weisesten Beschlüsse des Zauberers ist, zeigt sich im späteren Verlauf, denn viele Male bekommt Sam auf dieser Fahrt Gelegenheit, Frodo zur Seite zu stehen.

Mit seiner behäbigen Gemütsart scheint er der “normalste” Hobbit in dem aufbrechenden Quartett. Er gerät in kindliche Verzückung, sobald er Elbenzauber erblickt und erscheint zunächst etwas einfältig, was aber durch seine unnachgiebige Treue zu seinem Herrn und Freund Frodo nicht weiter ins Gewicht fällt. Stets hält er seine wachen Ohren geöffnet und seine liebenswerte, heitere Art versteht es ein ums andere Mal, den düsteren und bedrückenden Hintergrund der Geschichte etwas aufzulockern. In Lothlórien erhält Sam von Galadriel zum Abschied eine kleine Schachtel mit gesegneter Elbenerde, die ihn bei seiner späteren Rückkehr ins Auenland über manch erlittenen Verlust als Gärtner hinwegtröstet.

Wie auch die anderen Hobbits wächst er innerhalb der Wanderung über sich selbst hinaus und ist dem Ringträger mehr als eine Stütze in Momenten tiefster Gefahr, Verzweiflung und Einsamkeit. Wann und wo immer er kann, spendet er dem erschöpften Frodo Trost. Als sie im öden Mordor endlich auf Wasser stoßen, erbietet er sich, als erster davon zu kosten, damit es, falls vergiftet, erst ihn dahinraffe. Als Frodo die Beine versagen, nimmt Sam ihn auf den Rücken und kämpft sich weiter ihrem Ziel entgegen. Zur ungewollten Höchstform läuft Sam schließlich auf, als es ihm gelingt, mit seines Herrn Schwert die giftige Riesenspinne Kankra zu besiegen, wodurch er Frodo einmal mehr das Leben rettet. Als er diesen dennoch tot glaubt, nimmt Sam für kurze Zeit den Ring an sich. Der trachtet zwar auch ihn zu versuchen, doch Sam entlarvt die aufkommenden Illusionen von Macht und Reichtum schnell als unattraktive Truggebilde. Dafür lässt die Schwere des Ringes nun auch ihn Mitleid mit dem ausgezehrten Gollum empfinden, den er trotz seiner Wut und Abscheu verschont.

Nachdem der Ring vernichtet ist, kehrt Sam gemeinsam mit seinen drei Gefährten ins Auenland zurück, wo die nun zu Männern herangereiften Hobbits die alte Ordnung wieder herstellen. Er heiratet seine Jugendliebe Rosie Hüttinger, setzt mit ihr dreizehn Kinder in die Welt und wird später von König Aragorn, gemeinsam mit Merry und Pippin, zu Ratsherrn des nördlichen Königreiches ernannt. Nach dem Tod seiner Frau fährt auch er als alter Mann auf einem Elbenschiff in den Westen und folgt somit den anderen Ringträgern.

Mythos:

Das Motiv, dass dem Helden ein etwas tolpatschiger Begleiter zur Seite gestellt wird, verfügt über eine lange Tradition. Auch Sams Name bestimmt seine Identität. Der Name seines Herrn lautet “Frodo” (der Weise), der seines Dieners Samweis Gamdschie, also der “halb-Weise” (einfache, simple). Er besitzt all die drolligen Eigenschaften der Hobbits, die ihn durch seine einfache, mitunter auch naive Art, so liebenswert machen, ohne die der HdR zweifelsohne um einiges ärmer geraten wäre. Der Name seines Vaters ist “Hamfast”, was soviel wie “Bleib-zu-Haus” bedeutet. Dieser verkörpert jene hehren Werte seines Umfelds, die Sam zwar geprägt haben, die er aber dennoch bereit ist, für neue Erfahrungen hinter sich zu lassen.

Von einem Diener, der für seinen Herren durch dick und dünn geht, erfahren wir ebenfalls aus der Edda. Skirnir ist der Name eines Elfen, der gleichzeitig Diener und vertrauter Jugendfreund des Fruchtbarkeitsgottes Freyr ist, dessen Gestalt mit dem sagenhaften dänischen König Frodi verschmolz. (s. auch Frodo). Als dieser Gott sich unglücklich, da für ihn unerreichbar, in eine schöne Riesin verliebt, erbietet sich sein Diener, für seinen Herrn die Brautwerbung vorzutragen. Mit einer Reihe wertvoller Geschenke wie Goldring (s.Ring), Goldäpfeln und einem leuchtenden Zauberschwert ausgerüstet, begibt er sich auf die gefahrvolle Reise ins Land der Riesen. Viele Widerstände sind dort zu überwinden, bis er zu der Erwählten vordringen kann. Diese zeigt sich zunächst wenig offenherzig für die Belange des Brautwerbers. Erst nachdem der ausdauernde Skirnir alle Register seines Könnens gezogen hat und ihr das wertvolle Schwert seines Herren überlässt, willigt das spröde Riesenmädchen schließlich ein, und der treue Diener kann seinem Herrn und Freund die frohe Botschaft überbringen.

Das Motiv vom Überlassen des Schwertes an den Diener findet sich auch im HdR, wo Frodo seine Klinge “Stich” (symbolisch die Verantwortung, Handlungsfähigkeit oder die eigene Tatkraft) an Sam weitergibt, nachdem dieser zuvor damit die Spinne Kankra bezwungen hat.

Charakterisierung:

Sams friedfertiger Charakter verkörpert zunächst jene menschlichen Aspekte, die sich auftretenden Schwierigkeiten lieber erst einmal entziehen, bzw. sich an den heimischen und scheinbar sorgenfreien Küchentisch (Rockzipfel) zurücksehnen. Sams erste Devise lautet, allen Problemen, die ihn nicht unmittelbar betreffen, möglichst aus dem Wege zu gehen. Auch die Politik der Großen ist seine Sache nicht und interessiert ihn herzlich wenig. Er will weder berühmt noch ein Held sein, ist aber, wenn es darauf ankommt, stets zur Stelle und bereit, mit seinem Freund und Herrn durch dick und dünn zu gehen. Ja, er wagt es sogar, und das tut sonst im ganzen HdR niemand, Aragorn am Amon-He zu widersprechen, um seinem Herrn weiter folgen zu können.

Sams stoische Anhänglichkeit zu Frodo, die von bösen Zungen schon mit der schlichten Devotheit eines englischen Butlers verglichen wurde, gemahnt tatsächlich mehrmals an die Gehorsamkeit eines seinem Herrn treu ergebenen Hundes. Gerade diese einfache Hundetreue aber ist es, die dem Schicksalsträger von Mittelerde zum unverzichtbaren Gut wird, ohne deren Hilfe er seinen Weg niemals zu Ende gehen könnte. Nicht nur in indianischen Mythen steht der Hund an der Seite des Helden symbolisch häufig für dessen Spürsinn und Instinkt. Als Sam Frodo nach Kankras Angriff tot glaubt, irrt er verzweifelt in Mordors finsteren Gängen und Höhlen umher, bis er schließlich instinktiv beginnt, ein einfaches Lied zu singen. Dieses führt ihn, da von Frodo erwidert, zu diesem zurück und gemeinsam können sie die letzte Etappe ihrer Reise in Angriff nehmen. Sam besitzt den “richtigen Riecher” und folgt seiner Nase, wenn Verstand und Logik abhanden gekommen sind oder fehl am Platze scheinen. Gerade Sams schlichtes Wesen, hinter dem sich anfangs nur schwerlich irgendwelche heldenhaften Züge vermuten lassen, reift im Laufe der Geschichte zu einer besonderen Persönlichkeit.

Am Schluss, nachdem alles heil überstanden ist und wieder seiner alten Ordnung entspricht, geht Sam mit seinem einstigen Herren auf die letzte Reise, um ihn nun endgültig zu verabschieden und ihn der Obhut und Gemeinschaft der anderen Ringträger zu überantworten. Der für die einfache Beschaulichkeit des Auenlandes seelisch zu reif gewordene Frodo muss dieses verlassen. Zu bitter war der Geschmack des Bösen, dessen Gift und seelische Narben er nicht mehr abzuschütteln vermag - nicht aber für Sam, der vom “halb -Weisen” zum Weisen geworden ist, spätestens zu jenem Zeitpunkt, als er den Ring freiwillig wieder von sich gibt, nachdem er ihn für den totgeglaubten Frodo ein Stück weit getragen hat. Seine natürliche Demut und Bescheidenheit dem Leben gegenüber haben Sam sicher und aufrichtig seine Schritte durch alle Gefahren und Versuchungen des Abenteuers finden lassen. Seine persönlichen Gründe, die ihn diese Reise mit antreten ließen, waren kindliche Neugier und die aufrichtige Besorgtheit um seinen Herrn, zu dem er in inniger Liebe aufblickt. Sein Motiv ist das der selbstlosen Liebe, weshalb ihm als einem der wenigen die relativ mühelose Rückkehr in die “Normalität des kommenden Zeitalters” (Alltags) beschieden ist. Dort wählt man ihn später zum Bürgermeister und er wird der angesehene Begründer einer neuen Hobbit-Dynastie.