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Im Liebeshain der Freyia - Leseprobe

Leseprobe

Odhur zog fort auf ferne Wege,
ihm nach trauerte Freyja goldene Zähren,
und so zog sie aus, den Gatten zu finden.
Deren viele Namen trug sie,
als sie gelangte zu unbekannten Völkern hin.

aus der Gylfaginning

Des Königs Kebse

Auf Midgard führte mein Weg mich einstmals bis ans große Wasser, dessen Weite mich sogleich an unsere eigenen Küstengefilde in Wanaheim erinnerte. Es war ein freundlicher warmer Sommertag, das Rauschen des Meeres war zu vernehmen, vorbeifliegende Möwen stießen ihre schrillen Schreie in die Lüfte und eine salzige Brise streichelte angenehm über meine sonnengebräunte Haut.

Nachdem ich die letzte Düne erklommen hatte und des Wassers endlich ansichtig wurde, rannte ich, einen vergnügten Jauchzer ausstoßend, den Strand entlang, warf noch im Laufen meine Kleider in den Sand, entledigte mich hastig meines Schmuckes und sprang nackt in die grünliche Flut. Es war herrlich, sich den Staub und Schweiß der letzten Tage abzuwaschen und ich schwamm ausgiebig und mit kräftigen Zügen.

Als ich genug hatte, setzte ich mich mit gespreizten Schenkeln ins flache Wasser und genoß das sanfte Heranrollen der Wellen. Deren letzte Ausläufer klatschten mir sacht gegen den Bauch und schwemmten beim Zurückfließen stets etwas Sand mit sich, was mir ein wohliges Kitzeln an Beinen und Unterleib bescherte. Was für ein herrlicher Platz, dachte ich bei mir und dankte der All-Mutter für das wunderbare Geschenk des Lebens, das sie mir eingehaucht hatte, um all diese Schönheit erfahren zu dürfen.

Als der Wind etwas drehte, trug dieser den Geruch von Menschen und Tieren mit sich. Auch der Duft von gebratenem Fisch war zu schmecken, so daß ich mir hungrig über die Lippen fuhr. Ich erhob mich, wusch mir den restlichen Sand vom Körper und schüttelte die nassen Haare aus. Dann kleidete ich mich wieder an und machte mich auf, dieser wohlriechenden Witterung zu folgen. Eine Siedlung oder Lager schien in nicht allzu weiter Ferne.

Auf einer hohen Düne stehend, bot sich meinem Blick schon bald eine große Ansiedlung, die man halbkreisförmig in einer weiten ausladenden Bucht errichtet hatte. Deren Einwohner schienen vom Fischfang und Handel mit anderen seefahrenden Völkern zu leben, denn die hohen Masten vieler Wellenrosse waren schon von weitem gut zu erkennen. Wo Schiffe lagen, gab es gewöhnlich auch einen Hafen, in dem Menschen arbeiteten, die täglich das Kommen und Gehen von Fremden und Durchreisenden beobachteten. Kein schlechter Platz, dachte ich mir, um vielleicht etwas über den Verbleib meines Geliebten zu erfahren, der hier möglicherweise durchgekommen war.

Da die Stadt bis zum Strand hin von gut befestigten Erdwällen umgeben war, aus denen zusätzlich angespitzte Pfähle herausragten, lief ich eine weitere Anhöhe hinauf, um mir einen anderen Weg auszuspähen. Schon bald entdeckte ich eine kleine Straße, die direkt zu der kleinen Hafenstadt hinführte. Um dem zum Meer hin immer weicher werdenden Boden zu begegnen, hatte man der Länge nach etliche Holzbohlen im Sand versenkt, deren schwarze Fäulnis jedoch das Fehlen jeglicher Wartung verrieten. Viel Sinn für die Erhaltung und Pflege ihrer Zufahrtswege schienen die Bewohner jedenfalls nicht übrig zu haben.

Vor dem Eingangstor befand sich eine Kolonne von mehreren Wagen, die offensichtlich hinein wollten. Da ihre Besitzer gerade im Begriff waren, mit den Stadtwachen einige Worte zu wechseln, warf ich mir meinen schweren Umhang über, den ich mir eigens für meine Wanderung auf Midgard zugelegt hatte, und lief geradewegs auf den letzten Wagen zu, um mich der kleinen Truppe anzuschließen. Mein Plan ging auf und ich gelangte mit ins Innere der Siedlung, ohne irgendwelche lästigen Fragen beantworten zu müssen. So fand ich mich alsbald inmitten eines prächtigen Markplatzes wieder, auf dem allerlei buntes Volk seine unterschiedlichsten Waren feilbot. Männer und Frauen mit wettergegerbten Gesichtern boten auf einfachen Holzgestellen an, was ihre Söhne und Töchter am Morgen aus den Netzen geschüttelt hatten. Andere tauschten gefertigtes Kunsthandwerk und alltägliche Gebrauchsgegenstände gegen seltene Stoffe und Gewürze ein, die dunkelhäutige Händler aus fernen Ländern mitgeführt hatten. Die vielartigen Gerüche kitzelten mich angenehm in der Nase und ich freute mich über dieses wirre Treiben nicht weniger, wie zuvor über meinen genossenen Ausflug an Strand und Meer. Wenn man mehrere Tage allein durch die Einsamkeit der Wildnis gewandert ist, genießt man die farbenfrohe Vielfalt des pulsierenden Lebens auf eine völlig andere Art und Weise.

Wie ich von einer Magd erfuhr, stand in Kürze ein großes Fest an, in welchem man die Thronbesteigung des hiesigen Jarls zu feiern gedachte. Zwischen Händlern und Käufern, Knechten und Mägden, Bauern und Handwerkern tummelten sich halbnackte und stark verdreckte Kinder, die lärmend durch die Gassen stoben, gefolgt von einer Rotte struppiger Hunde, die in den Pfützen zwischen den Planken im aufgeweichten Boden nach Abfällen suchten. Neugierig sah ich mich um, und mein Blick blieb an einem erhöhten Gebäude hängen. Ein mächtiges Herrenhaus ragte als erhöhter Pfahlbau inmitten der Siedlung hervor, über welche man von dort aus einen guten Überblick besitzen mußte. Darin schien offensichtlich der Jarl oder König seinen Hochsitz zu haben, denn auf der hölzernen Plattform entdeckte ich einige schwer bewaffnete Wachen. Noch während ich überlegte, ob ich meine Schritte in diese Richtung oder lieber gleich zum Hafen lenken sollte, bekam ich plötzlich von hinten einen Stoß und wurde von einem stark behaarten Arm grob zur Seite gedrängt.

„Zur Seite, Metze, mach Platz für König Meinulfs zukünftige Knechtschaft!“ herrschte mich eine männliche Stimme an. Ich erblickte eine Handvoll halbnackter junger Frauen, die als Sklavinnen eiserne Ringe um ihre Hälse trugen, welche über eine lange Kette miteinander verbunden waren. Drei kräftige gepanzerte Männer schubsten die verängstigten Mädchen in Richtung der Pfahlbauten, während sie derb lachend anzügliche Bemerkungen über die Körperformen ihrer Gefangenen machten. Wütend über diese rüde Rempelei, die mich fast in den Dreck befördert hätte, zischte ich dem Mann einen argen Fluch hinterher. Der faßte sich wie von einem Peitschenhieb getroffen an sein Hinterteil und drehte sich nach mir um.

„He du“, brüllte er in meine Richtung, „was hast du da eben von dir gegeben?“ Der Troß hielt an und der Mann, offensichtlich der Aufseher dieser traurigen Schar, schritt wütend auf mich zu. Mit zorngeschwollenem Blick starrte er mir entgegen, doch ich blitzte ebenso scharf zurück und wiederholte langsam meine Worte: “Ich sagte, die Warzen sollen dir zum Arsch raussprießen!“

Der Wachmann, gut einen Kopf größer als ich, glaubte seinen Ohren nicht zu trauen und so dauerte es einen Moment, bis er gewahr wurde, was ihm diese Fremde soeben ein zweites Mal furchtlos ins Angesicht geschleudert hatte. Einige Leute waren bereits neugierig stehengeblieben und schon strömten die ersten Kinder herbei, die ihre Nasen stets vorne haben, wenn der kleinste ungewohnte Zwischenfall eintritt. Die Farbe schoß dem Mann ins Gesicht und mit bebender Stimme zog er aus seinem Gürtel einen ledernen Zuchtriemen hervor: „Du dreckige Dirne, dir wird ich dein Schandmaul schon stopfen, das Fell werd‘ ich dir gerben, du...“

Weiter ließ ich ihn nicht kommen und streckte ihm blitzschnell meine Hand entgegen, während meine Finger den Gehörnten zeigten, die direkt auf seine Augen zielten. „Ein Schlag“, klirrte ich ihn eisig an, „und du wirst es bereuen, mir jemals begegnet zu sein!“

Der Mann zuckte erschrocken zusammen und blieb wie angewurzelt stehen. Sein schon erhobener Arm hielt inne und seine Augen weiteten sich ungläubig. Vor ihm stand keine junge Frau mehr, sondern ein pechschwarzes Weib mit strähnigen aschgrauen Haaren, das ihn aus blutunterlaufenen Augen anstarrte und knurrend die Zähne fletschte. Verwirrt machte er zwei Schritte zurück und fuhr sich irritiert über die Augen. Doch die furchterregende Erscheinung war schon wieder verschwunden, nur mein noch immer ausgestreckter Arm erinnerte ihn an das, was er soeben erblickt hatte.

Einige Leute, die von meinem Zauber freilich nichts mitbekommen hatten, fingen ob dieses seltsamen Schauspiels an zu lachen, doch ein paar andere begannen auch verstohlen zu tuscheln. Verstört blickte sich der Aufseher hilfesuchend zu seinen beiden Kameraden um, von denen offensichtlich ebenfalls keiner dieser seltsamen Verwandlung ansichtig geworden war.

Dennoch trat der eine auf ihn zu, nahm ihn am Arm und murmelte leise: „Komm schon, Skarigo, laß die lieber. Die ist bestimmt vom Mond besessen.“

Der Angesprochene streifte die Hand des anderen jedoch barsch ab und schüttelte sich wie ein nasser Hund, der das Wasser aus seinem Fell haben möchte: „Ich werd‘ doch vor solch einem Weibsstück nicht das Feld räumen, selbst wenn es irgendwelche Zaubertricks unter seiner Schürze hortet!“

Als ich erkannte, daß mein Gegenüber sein Gesicht zu verlieren drohte und somit zu einem weiteren Angriff ansetzen würde, nahm ich meinen Arm nach unten und führte beide Handflächen zu meinem Schoß. Für einen Sekundenbruchteil versenkte ich mich nach innen, sammelte dort meine Energien und rief die Große Drachin an, deren vortreffliches Rüstzeug mich schon vor vielem Schaden bewahrt hat. Ich sog also meine Kraft laut schnaufend nach oben und krümmte mich wie eine Wildkatze zusammen, die zum Sprung ansetzt.

Dann kam Skarigo und diesmal mit der entschlossenen Wildheit eines waidwunden Bären. Doch noch bevor er mich erreicht hatte, sprang ich mit einem fürchterlichen Schrei auf ihn zu und zeigte mich meinem Angreifer als ein gewaltiger Feuerddrache, der ihm eine brennende Stichflamme entgegenfauchte. Skarigo ließ seine Peitsche fallen, faßte sich mit beiden Händen schmerzverzehrt ins Gesicht und brach laut jaulend zusammen.

Für einen kurzen Augenblick herrschte bei allen Umherstehenden ein ungläubiges Schweigen, dann begannen einige anerkennend Beifall zu klatschen. Andere wiederum umfaßten ängstlich ihre Halsamulette und blickten auf den wimmernden Aufseher, der sich das brackige Pfützenwasser ins Gesicht rieb, so, als habe er gerade eben eine schreckliche Verbrennung erhalten.

„Ofresk“ murmelte eine alte Frau, was ‘geistersichtig‘ bedeutet. Ein Flüstern und Raunen ging durch die Menge und einige machten hastig abwehrende Handbewegungen, als suchten sie anwesende Geister zu verscheuchen. Ein paar Frauen traten hinzu, schnappten eilig ihre Kinder und verschwanden mit ihnen hinter irgendwelchen Türen oder Holzverschlägen, die sie mit einem lauten Knall ängstlich hinter sich zuzogen.

Dann erscholl ein lauter Hornruf und ließ mich und all die Menschen aufhorchen, die umgehend ihre momentanen Tätigkeiten unterbrachen. Alle Augen richteten sich in Richtung Pfahlbau, auf dessen Plattform ein großer Mann erschien. Der erhob die Hände und wartete, bis alles Gemurmel verstummt war. Dann rief er mit kraftvoller Stimme, daß der erhabene Meinulf gerne zu erfahren wünsche, was dieser Aufruhr in seiner Feste zu bedeuten habe?

Die beiden anderen Aufseher deuteten auf mich, während ich mit erhobenem Haupte dastand und keine Miene verzog. Kurz darauf stampfte eine Handvoll Bewaffneter auf den Marktplatz und umstellten mich. Sie nahmen mich in ihre Mitte, achteten zu meiner Genugtuung aber sehr sorgfältig darauf, mir dabei nicht zu nahe zu kommen. Gemeinsam schritten wir eine hölzerne Treppe hinauf und staunend gewahrte ich, daß man das Haupthaus, das auf großen Pfählen im weichen Erdreich ruhte, mit dicken schweren Steinen verstärkt hatte. Eine stabile Doppeltüre wurde entriegelt und ich ins Innere des Hauses geführt.

Drinnen herrschte ein trübes Zwielicht, in das kein Sonnenstrahl von außen hineinfiel, so daß meine Augen etwas Zeit brauchten, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Unwillkürlich überfiel mich ein starkes Frösteln, worauf ich meinen Umhang noch weiter zuschlug. Es roch muffig nach verbrauchter Luft und angewidert rümpfte ich die Nase. Langsam schälte sich am Ende des Langhauses ein hölzernes Podest aus dem Dunkel, auf dem ich eine Art Hochsitz gewahrte. Darauf kauerte eine bewegungslose Gestalt, die mich seit meinem Eintreten stumm fixierte. Lediglich das matte Schimmern ihres langen Kettenhemdes war auszumachen.

Der Wachmann zu meiner Linken machte eine Verbeugung und sprach: „Wir bringen euch das zänkische Weib, Herr, das Skarigo herausgefordert hat.

“„Frau“, verbesserte ich ihn gelassen, worauf der Wachmann mich nur verdutzt anblickte.

„Wie?“

„Ihr bringt eurem Herren eine Frau. Eine freie Frau, wohlgemerkt und um bei der Wahrheit zu bleiben, nicht ich habe euren Aufseher, sondern er mich herausgefordert!“

Der Soldat wollte schon etwas erwidern, doch die Stimme seines Jarls schnitt ihm das Wort ab: „Sooo..., du bist also das seltsame Weib, das es gewagt hat, sich meinem Waffenmeister in den Weg zu stellen?“

„Frau“, verbesserte ich ein zweites Mal.

„Aah richtig, Frau“, berichtigte sich die Stimme, mühte sich aber nicht, ihren höhnischen Unterton zu verbergen, „was hast du mit dem armen Skarigo angestellt? Sein Gewinsel war bis hierhin zu vernehmen!“

„Das nimmt mich Wunder“, gab ich zur Antwort und sah mich in der dunklen Halle um, „wo du dich doch mit so dicken Mauern umgibst, die, so möchte ich meinen, nicht nur das Tageslicht, sondern auch jeglichen Lärm von außen verschlucken.“

„Dir scheint mein Haus nicht sonderlich zu gefallen, Fremde“, stellte mein Gegenüber fest, dessen Gesicht ich noch immer nicht erkennen konnte.

„Nein, es stinkt nach Moder und dem alten Mief verschwitzter Männer. Außerdem ist es finster wie in einem Grab, so daß ich von deinem Heim nicht viel erkennen kann, was mit einem Lob bedacht werden könnte.“

Der Wachmann zu meiner Rechten, der die zornigen Wutausbrüche seines Herren wohl allzu gut kannte, gab ob dieser vorlauten Worte einen seltsamen Schnaufer von sich, doch zu seinem großen Erstaunen geschah nichts dergleichen. Weder erfolgte eine Rüge, noch erscholl irgend ein anderer barscher Befehl, mit dem er dem Willen seines Königs hätte nachkommen müssen.

Da mein Gegenüber stumm blieb, fuhr ich unbekümmert fort: „Du scheinst nicht viel vertrauen in das Leben zu haben, wenn du dich im Dunkeln hinter solch dicken Mauern vergräbst. Wenn es das Wasser unter deinen Füßen ist, das du fürchtest, warum siedelst du dann an der Küste?“

„Nicht das Wasser fürchte ich, sondern die Disen und Draugen der Unterwelt, die jeden Moment danach trachten, die Erde aufzutun, um mich in ihr dunkles Reich hinabzuziehen.“

Ich grinste spöttisch, da ich nicht wußte, ob mein geheimnisvoller Gastgeber diese Worte ernst meinte oder mich hierdurch lediglich einer Probe unterzog, die herausfinden sollte, ob ich an Geister glaubte. „Deshalb also stellst du dein Haus auf diese Pfähle? Es scheint mir“, murmelte ich gedehnt, „daß dich Alpträume plagen und dir das Gemüt verhageln. Möglicherweise ist dir jemand unwohl gesonnen?!“

„Verstehst du dich aufs Träume deuten?“ kam seine Frage aus dem Dunkeln.

„Schon möglich“, entgegnete ich knapp, „doch warum sollte ich einem Mann Rede und Antwort stehen, dessen Schergen keinen blassen Dunst davon besitzen, wie man sich einer freien Frau gegenüber zu verhalten hat?“

Nun wurde die Stimme des Jarls eine Spur schärfer: „Ein Wink von mir, Weib, und die Schwerter meiner Leute werden dir deinen zarten Hals entlasten!“

„Ich weiß“, erwiderte ich furchtlos, „dein Verwalter hat nicht viel Zeit mit Worten vergeudet, bevor er auf mich eindrang.“

Der Hausherr schnippte mit den Fingern und umgehend trug ein Diener eine Fackel herein, die den Raum sofort erhellte. Der Knecht trat auf mich zu und hielt das Feuer so vor mich hin, daß es mich blendete und ich meinem Gegenüber noch immer nicht ins Antlitz blicken konnte.

„Du hast Mut, Weib,“ fuhr dieser großspurig fort, „das gefällt mir. Obwohl ich gewöhnlich kein Licht benötige, um die wahren Absichten irgendwelcher lästigen Bittsteller zu durchschauen, will ich bei dir eine Ausnahme machen!“

„Ich begehre nichts von dir, König“, entgegnete ich gleichgültig.

„Dann verrate mir, was dich hierher geführt hat. Was hoffst du an diesem Hof zu finden, Weib?“

„Ich bin auf der Suche nach einem Mann!“

„Soso, einen Burschen willst du dir einfangen.“

„Nein, ich bin bereits vermählt, doch mein Gatte ging fort und kehrte nicht wieder. So brach ich in der Hoffnung auf, ihn einst wiederzufinden. Möglicherweise hat er sich hier eingeschifft. Odur lautet sein Name, doch führt er möglicherweise auch andere.“

Der König strich sich nachdenklich seinen Schnurrbart glatt, ging aber nicht weiter auf meine Worte ein: „Was verbirgst du unter deinem Mantel, Weib?“

„Frau“, ermahnte ich ihn stolz ein weiteres Mal und schlug mit einer aufreizenden Bewegung meinen Umhang auseinander. So entblößte ich meine nackten Schenkel, samt bauchfreiem Oberteil, das einen freizügigen Einblick auf meine Brüste gewährte. Während meine Haut im Fackellicht schimmerte, war vom Thron her ein schweres Ausatmen zu vernehmen, und wohl wissend, daß mein Anblick seine beabsichtigte Wirkung nicht verfehlte, fügte ich selbstsicher hinzu: „Hier drunter ist nichts, vor dem sich ein starker Herrscher zu fürchten bräuchte.“

„Das hingegen mag ich anzweifeln“, kam die Antwort des Königs, „die Waffen eines schönen Weibes sind oft schärfer und wissen tiefer zu beißen, als die geschliffenste Klinge es vermag.“

„Hört, hört“, erwiderte ich keck, „ich scheine mich in der Halle eines erfahrenen Lebemannes zu befinden, der schon auf manche Begegnung mit meinem Geschlecht zurückblicken kann?“

Der König schwieg ob dieser aufstachelnden Worte, doch hatten sie ihre Wirkung nicht verfehlt, denn er preßte die Hände auf die Lehnen seines Stuhles und erhob sich mit einem solchen Ruck, daß die Kettenringe seines Panzerhemdes aufklirrten. Der Bewacher zu meiner Linken legte seine Hand aufs Heft und zog die Klinge einen Handbreit aus seiner Schwertscheide. Es konnte sich nur noch um Sekunden handeln, bis sein Herr ihm gebieten würde, dieser dreisten Fremden das Haupt zu kürzen. Jeder andere hatte bereits bei weit weniger beleidigenden Worten sein Leben lassen müssen.

Mit gemessenen Schritten bewegte sich der Jarl auf mich zu, bis seine Gestalt im Schein der Fackel endlich vor mir auftauchte. Ich blickte in ein schon älteres blasses Gesicht mit eingefallenen Wangenknochen, aus dem eine kantige Nase auffallend hervorstach. Sein Haupthaar war ihm bereits ausgefallen und auch der struppige Bart zeigte sich bereits von einigen grauen Härchen durchsetzt. Lauernd blitzten mich seine schmalen kalten Augen an, um dann kurz zu den beiden Wachen abzuschweifen: „Raus, ihr beiden, auch du“, wetterte er den Knecht an, „und nimm dieses grellbeißende Licht wieder mit!“

Die Männer taten wie ihnen befohlen, es wurde wieder dunkel und so fand ich mich alleine mit dem König in dessen düsterer Halle wieder. Der trat darauf so dicht an mich heran, daß ich seinen unangenehmen Atem riechen konnte. Seine aschgrauen Augen, gewohnt seine Untergebenen in herrischer Überlegenheit niederzustarren, zuckten nervös, als sie meinem funkelnden Blick begegneten, da ich keinerlei Anstalten machte, mich ihnen zu beugen. Nur wenige Momente wogte der stumme Willenskampf, dann senkten sich des Herrschers Augen und starrten müde auf seine Füße.

„Du hast die Augen einer Katze. Bist du eine Hexe, eine Mondanbeterin? Warum fürchtest du dich nicht, Frau?“ stieß er gepreßt hervor.

„Danke für das Frau“, erwiderte ich leicht amüsiert, „warum sollte ich mich vor dir fürchten?“

„Weil das alle hier tun“, fuhr er mich plötzlich wieder herrisch an und begann mich wie ein Raubtier zu umkreisen, „jeder hier fürchtet mich, jeder, hörst du? Kein Krieger und kein Weib, das sich nicht vor Angst in die Beinkleider scheißt, sobald sie mir, dem grausamen Meinulf, gegenübertreten. Mir, dem Frauenschänder und Kinderfresser, vor dem selbst die Seefahrer aus dem Morgenland erzittern. Und da kommst du daher, irgendeine dahergelaufene Marketenderin und trotzt mir und meinen Männern. Wessen Tochter darfst du dich nennen, daß du es wagst, mir hier, im meiner eigenen Stadt, die Stirn zu bieten. Wer bist du, Frau?“

Mir meiner erotischen Wirkung sehr wohl bewußt, lächelte ich den König mit unverhohlener Gefallsucht an: „Vermutlich jemand, zu dem dein fürchterlicher Ruf bisher nicht vorgedrungen ist.“ Ich zuckte gelangweilt mit den Schultern. „Ich weiß nichts von irgendwelchen Schauermärchen, allerdings muß ich dir sagen, daß es...“

„Was?“ brüllte Meinulf dazwischen und blitzte mich wütend an.

„...es mir nicht sonderlich gefällt, wie du mit meinesgleichen umspringst.“

„...Deinesgleichen, wie?“ Mein Gegenüber wollte schon in schallendes Gelächter ausbrechen, doch als er mein ernstes Gesicht erblickte, erstarb es ihm auf der Zunge.

„Es scheint dich zu erregen“, fuhr ich fort, „die Angst in den Augen deiner Opfer zu gewahren?“

Meinulf schluckte schwer und seine Stimme hatte deutlich etwas ihrer Festigkeit verloren, als er sich abermals nach meinem Namen erkundigte.

„Du darfst mich Mardöll, die Meeresglänzende, rufen. Tochter der Hludana und des Haddings“, tat ich ihm stolz kund, während unter meinem sinnlichen Augenaufschlag seine unfreundliche Grobheit endgültig dahinschmolz und jener Verzauberung weichen mußte, die jegliches männliche Wesen überfällt, sobald sich ihm das alle Wonnen dieser Welt verheißene Antlitz der Liebesgöttin offenbart.

„Beim Blute meiner Ahnen“, stammelte er verwirrt, „und wahrhaftig wie eine aus dem Wasser entstiegene Meeresperle tauchst du hier unvermittelt auf und speist auf meinen Rang und Titel.“ Er machte eine kurze Pause und überlegte: „Höre mich an, Mardöll, des Haddings Tochter. Irgend etwas sagt mir, daß du mir helfen könntest, etwas Licht in das Dunkel meiner mich quälenden Nachtmahre zu bringen. Dafür biete ich dir eine Mahlzeit, ein Lager für die Nacht und die Obhut meines Hauses, in dem niemand es wagen wird, Hand an dich zu legen.“

„Oh, ich kann gut alleine auf mich aufpassen“, erwiderte ich kühl, worauf zum ersten Male ein leichtes Lächeln über Meinulfs versteinertes Gesicht huschte.

„Das will ich dir gerne glauben, Frau, dennoch wäre es mir eine Ehre, mich diesen Abend deiner Gesellschaft zu erfreuen.“

Einen Moment lang blickte ich Meinulf ins Angesicht, suchte darin aber vergeblich nach einer versteckten Tücke. So nickte ich lediglich und erwiderte ein Lächeln andeutend: „Das klingt schon besser, König. Das erste freundliche Wort, das ich vernehme, seit ich deine Stadt und dein Haus betreten habe. Es sei!“

Das abendliche Mahl erwies sich als ebenso kärglich wie die gesamte Einrichtung in der kleinen und traurig wirkenden Königshalle. Eine breite Tafel war notdürftig gedeckt worden, an der sich neben Meinulf noch ein älterer Skalde und eine Frau Namens Salgard niedergelassen hatten, die der Jarl mir zu meinem großen Erstaunen als seine Gattin vorstellte. Ein kurzer Blick in deren leere Augen genügte, um mich erkennen zu lassen, daß Meinulf ihren Willen schon vor langer Zeit gebrochen hatte. Sie wirkte an seiner Seite wie ein geduldeter Zierrat, den sein Besitzer bei Gelegenheit aus einer Truhe kramt, um ihn darauf seinen Gästen vorzuführen. Gleichwohl zu sehen war, daß es sich bei dieser Frau einstmals um eine auserlesene Schönheit gehandelt haben mußte, war ihr Glanz in dieser düsteren Halle längst stumpf geworden. Ich bemerkte, daß Salgard mich zuweilen verstohlen musterte, rasch aber wieder auf ihren Teller starrte, sobald sich unsere Blicke trafen. Hinter der Herrin des Hauses stand im Schatten einer hölzernen Säule eine alte Zofe, die mich genau beobachtete und mir dabei abwertende und giftige Blicke zuwarf. Wie ich später erfuhr, hatten wir ihr dieses magere Abendmahl zu verdanken, und wäre es gänzlich nach dem Willen der Zofe gegangen, hätte sie mich wohl lieber unter statt über der Tafel gesehen, um mich dort mit den Hunden um die abfallenden Reste zu balgen.

Wie es Sitte war, wurde während dem Essen kein Wort gesprochen. Erst als Meinulf satt und zufrieden rülpste und eine nur leicht beschürtzte Magd herbeiwinkte, die ihm unverzüglich ein Tuch reichte, an dem er seine fettverschmierten Finger säuberte, galt das Mahl als beendet.

„Du kannst dich zurückziehen, meine Liebe, „wandte er sich an seine Gattin, indem er ihr wie einem braven Hündchen die Hand tätschelte. Ohne dabei aufzublicken, nickte Salgard ergeben, erhob sich und verließ mit der alten Zofe den Raum.

Ganz der Herrscher, winkte mich Meinulf mit einem lässigen Fingerzeig zu sich: „Setz dich etwas näher zu mir, Wei... Frau“, verbesserte er sich schnell und befahl allen noch anwesenden Personen ebenfalls den Saal zu verlassen. So war ich ein zweites Mal mit ihm alleine.

„Nun, hat es dir gemundet?“ wollte er mit selbstgefälligem Grinsen wissen.

Ich verzog leicht das Gesicht und scherte mich nicht um gespielte Höflichkeit: „Ich habe schon besser gespeist, aber ich will mich nicht beklagen.“ Und seinen erbosten Blick daraufhin ignorierend, fügte ich hinzu: „Mich wundert, das ein so großer Herrscher wie du, nicht üppiger auftischen läßt. Bist du am Ende vielleicht noch ein Geizhals?!“

Damit hatte ich einen wunden Punkt getroffen, denn er erhob sich mit einem solchen Satz, daß sein schwerer Stuhl nach hinten kippte: „Das schlägt dem Faß den Boden aus“, wetterte er entrüstet und schlug mit der geballten Faust auf den Tisch, „ich lade dich ein, an meiner Seite zu speisen und du hast nichts anderes im Sinn, als mich und mein Haus zu beleidigen!“

Doch ich ließ mich von seinen Drohungen nicht einschüchtern und entgegnete unbeeindruckt: „Ist es nicht eher so, daß du mit diesem kargen Mahl deinen Gast beleidigst, der hinter den Wänden einer solchen Halle bestimmt besseres erhoffen darf.“

Kalt funkelte Meinulf mich an, dergleichen war ihm wohl noch nicht widerfahren: „Ja besitze ich vielleicht ein goldenes Füllhorn ohne Boden, mit dem ich nichts besseres anzufangen weiß, als dem verschwenderischen Pöbel damit in den Arsch zu blasen?“, suchte er sich mit hochrotem Kopfe zu verteidigen, „ein Glück kann ich auf eine treue Dienerschaft blicken, die meinen Besitz zusammenhält!“

Ich grinste nur und zeigte ihm die Zähne: „Was du tust, König, ist deine Sache, doch wer sich stets anschickt, seine Untergebenen an der kurzen Leine zu halten, der mag sich nicht wundern, wenn sich diese Leine irgendwann im Dunklen um seinen eigenen Hals legt...“

„Das wagen sie nicht!“ herrschte er wütend zurück und öffnete sich mit den Fingern den Kragen seines Gewandes, so sehr war sein Blut in Wallung geraten.

Ich winkte ab: „Wenn du meinst. Aber wie gesagt, es kümmert mich nicht, was du und deinesgleichen an diesen Gestaden treibt. Aber wolltest du mir nicht einen Traum erzählen, denn sonst ziehe ich mich nun zurück. Ich bin müde und möchte, falls es dein Mißfallen nicht erregt, gerne mein Nachtlager aufsuchen.“

„Oh doch“, knurrte Meinulf grimmig, „es würde mein Mißfallen erregen und zwar ganz gewaltig!“

„Schön,“ seufzte ich, „auch gut, aber laß uns von einer deiner Mägde zuvor noch einen guten Tropfen kommen, dann wollen wir im Kamin etwas Holz nachlegen und es uns davor gemütlich machen.“

Meinulf war viel zu aufgebracht, als daß er auf meine dreiste Aufforderung etwas erwidert hätte, und so gab er, wohl zu seiner eigenen Überraschung, Befehl, meinen Anweisungen nachzukommen. So prasselte im Kamin alsbald ein angenehmes Feuerchen, vor das der Herr des Hauses zwei mit Leder bespannte Stühle tragen ließ. Ich zog es jedoch vor, mich auf einem Fell am Boden niederzulassen, von wo man aus einen besseren Blick in das flackernde Spiel der Flammen besaß. Vielleicht hätte ich auch lieber in einem der Stühle Platz nehmen sollen, denn die Flohbisse am Hintern plagten mich noch Tage danach. Aber so stocherte ich mit einem Ast leicht verträumt zwischen den brennenden Holzscheiten herum, währenddessen mich Meinulf ausgiebig beobachtete. Dabei entging mir nicht, daß er sich flüchtig über die Lippen leckte.

„Na, König, gefällt dir, was du siehst?“

Ertappt hob Meinulf den Blick, starrte schnell an mir vorbei ins Feuer und sagte: „Wenn du die Bildersprache der Schattenwelt zu deuten weißt, dann vernimm nun jenen finsteren Traum, der mich auf gleiche Weise seit vielen Monden heimsucht. Nacht für Nacht setzt er sich wie ein dunkler Alp auf meine Brust und übergießt mein Herz beständig mit Eiswasser.“

Während diesen Worten kratzte er sich zum wiederholten Male den Leib, was mich vermuten ließ, das mein Gastgeber weniger von Flöhen, als vielmehr von einem juckenden Ausschlag befallen war.

„Mir träumt, mich mit meinem Lieblingshund auf der Jagd zu befinden. Irgendwann taucht dann am Waldrand eine Hirschkuh auf, an deren Fersen ich mich sogleich hefte. Die wilde und vergnügte Hatz zieht sich dahin und geht alsbald über Stock und Stein, endlich bis in die Tiefe eines wuchernden Dornengestrüpps, durch das selbst mein Hund nicht mehr gehen will. Doch ein unbekanntes Verlangen nach dem geschmeidigen Körper des Wildes hat sich meiner bemächtigt, und so springe ich aus dem Sattel und setze ihm alleine nach. Immer tiefer durchdringe ich das dornige Dickicht, in welches das Tier zielsicher seine federleichten Sprünge lenkt, dem die Stacheln nichts anhaben können. Mein Atem geht keuchend, mir läuft der kalte Schweiß und meine Haut ist zerkratzt vom Buschwerk.

Schließlich werden meine Schritte schwerer und plötzlich verwandelt sich der weiche Boden zu meinen Füßen in einen zähen Sumpf, aus dem es kein Entkommen mehr zu geben scheint. Immer tiefer sinke ich ein, versuche mich verzweifelt an toten Wurzeln festzuklammern, die in meinen Händen jedoch zu Staub zerfallen. Meine Augen suchen die ersehnte Hindin, die am Ufer feengleich hin und her tänzelt und mich aus glühenden Augen beobachtet. Giftige Dämpfe steigen aus dem Morast herauf, umspielen ihre schlanke Gestalt und da verwandelt sie sich in eine nackte Frau, deren pechschwarze Haare sie wie einen Vorhang umwallen. Sie zeigt auf mich und bricht in ein kreischendes Hohngelächter aus. Unerbittlich zerrt der Sumpf mich weiter in die Tiefe und kalte Todesangst umklammert mein Herz. Ich flehe sie an, mir beizustehen und mich zu retten, und tatsächlich packt sie darauf einen langen Ast, den sie mir helfend entgegenstreckt. Doch kaum versuche ich diesen zu ergreifen, da verwandelt das Holz sich in einen schwarzen Schlangenleib und erschrocken zucke ich zurück. Die Mensch gewordene Hindin ruft mir lachend zu, daß ich, wenn ich in diesem Sumpf nicht elendig ersaufen wolle, die Natter ergreifen müsse, nur sie könne mich noch aus diesem Todesmorast herausziehen. Da mir keine Wahl bleibt, fasse ich nach dem kalten Grabesfisch, der sich blitzschnell um meinen Arm ringelt, worauf mich dieses gespenstische Zauberwesen mit Leichtigkeit zu sich ans Ufer zieht.

Wie ich so keuchend und vor kaltem Schlamm triefend vor ihr kauere, schwingt sie sich plötzlich lachend auf meinen Rücken. Als ich sie nach ihrem Namen befragen will, entringt sich meiner Kehle lediglich ein krächzendes Meckern und mit Entsetzen stelle ich fest, daß ich mich in einen riesigen Ziegenbock verwandelt habe. Sie tritt mir die nackten Fersen schmerzhaft in die Seiten und galoppiert mit mir in die finstere Nacht hinaus. Ohne Gnade treibt sie mich voran, dabei ein häßliches Gekreische von sich gebend. Die wilde Jagd geht hinauf in steinige Höhen, bis wir endlich den Gipfel eines Berges erklommen haben. Über uns leuchtet der fahle Mond, den sie zur Begrüßung wie eine lachende Wölfin anheult. Sie packt mich bei den Hörnern, und in jenem Moment, wo ich voller Todesangst fürchte, daß sie mich in den Abgrund treten läßt, schrecke ich jedesmal schreiend auf, während mir ihr schauriges Lachen noch in den Ohren hallt....“

Zeitgleich wie Meinulf seinen Traum beendet hatte, fiel das Feuer im Kamin in sich zusammen und tauchte die Umgebung in ein schauriges Licht. Mein Gastgeber zog sich fröstelnd seinen Umhang höher und blickte mir mit deutlichem Unbehagen entgegen. Doch ich blieb lange Zeit stumm, um zu erspüren, wie tief das eben Geschilderte Meinulf wirklich schon berührte.

„Sag mir, Weib, bin ich verflucht?“ platzte es schließlich aus ihm heraus, da er nicht mehr an sich halten konnte.

„Nun...“, sprach ich gedehnt, seine gewohnt abwertende Anrede ignorierend, „es sieht nicht danach aus, als hättest du dir in deinem bisherigen Leben viele Freunde gewonnen.“

„Also bin ich verflucht? Ihr Götter, ich wußte es. Irgendeine Hexe will mir Schaden an Leib und Seele zufügen!” Des Königs Lider flatternden nerwös und seine Augen bekammen einen irren Ausdruck. Ängstlich sah er sich in seiner dunklen Halle um, als lauere das Grauen bereits in seiner Nähe: “Was kann ich tun, Mardöll? Bist du eine Mondfrau? Weißt du Schutzrunen zu ritzen? Einen Gegenzauber zu wirken?”

Sein flehentlicher Blick amüsierte mich: „Ein so mächtiger Mann wie du, der sich alles erkaufen oder nehmen kann, fürchtet sich vor einem Traum und erbittet die Künste eines dahergelaufenen Weibes?“

„Keines gewöhnlichen Wei...“, er stockte, „was ist? Bist du nun eine Zauberin und wirst du mir helfen?“

Ich blickte ihn geheimnisvoll von unten an: „Möglich, daß ich eine bin“, ich lachte leise, „vielleicht bin ich ja selbst jene Hexe, die hierher kam, um dich in den Wahnsinn zu treiben oder gar deinen Tod zu wirken?“ Ich grinste ihn an, so daß meine Zahnreihen im Schein der wabernden Glut leuchteten. Als sich Meinulfs Hand darauf ängstlich aufs Heft seines Schwertes legte, wußte ich, daß ich am Ziel war und wurde wieder etwas zahmer: „Ich will dir kurz etwas über deinen Traum erzählen, den du nicht dem Wirken irgendeiner unschuldigen Frau anlasten solltest, die dir vielleicht zufällig über den Weg läuft und an der du gedenkst, deine Rachegelüste stillen zu müssen. Dieser Traum tritt einzig und alleine aus dir selbst hervor und macht deutlich, woran du und deine Halle kranken.“

„Dann sag mir, was mir fehlt. Was ist es, das mir die Götter grollen?“

„Ich glaube nicht, daß du die Antwort hören willst“, winkte ich ab, „wahrscheinlich würdest du die Wahrheit nicht einmal erkennen, wenn sie in diesem Augenblick zu deinen Füßen säße.“

Meinulfs Augen funkelten in der Dunkelheit, während er sich plötzlich erhob und sich bedrohlich vor mir aufrichtete: „Wenn du die Antwort weißt, dann nenne sie, Weib. Sofort oder ich lasse dich auf der Stelle wie eine räudige Hündin aus dieser Halle peitschen!“

Nun, dachte ich mir, wenn der Herr König glaubte, mir ununterbrochen drohen zu müssen, war es wohl an der Zeit, meine eigenen Krallen auszufahren...

Den Rest sowie fünf andere Geschichten gibt’s im Buch ...