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Der Gehörnte - Vorwort

Vorwort von Akron

Wenn sich jemand an den „Gehörnten“ heranwagt, muss er sich zunächst einmal klar darüber werden, was er sagen will. Das Urböse kann es ja wohl nicht sein. Der teuflische „Ziegenbock“, der die Menschen verwirrt und in panische Schrecken versetzt, kann ebenfalls nicht gemeint sein. Auch wenn die Kraft der inneren Botschaft des Autors sich hier schier unerschöpflich zeigt, stellt sich doch die Frage, ob dieser Geist in der heutigen Zeit noch greift; ob Voenix’ Universalität, Himmel und Hölle durch ein persönliches Erleben in seiner ganzen Tiefe zu durchleiden und gewissermaßen als persönliche Abrechnung zu einem monumentalen Kulturgemälde zu verarbeiten, über den Status einer Pflichtlektüre hinausreichen kann und noch andere Leserkreise als nur die Heidenszene zu interessieren vermag. Der moderne Leser, der allenfalls an Facebook, Twitter oder YouTube, kaum aber noch an Jesus, am allerwenigsten aber an Himmel und Hölle interessiert ist, könnte ein Werk als befremdlich empfinden, das sich mit enzyklopädischer Akribie den verschiedenen Gesichtern und Ausstülpungen des Gehörnten widmet, um so mehr, da aus heutiger Sichtweise klar wird, dass das seinerzeitige Böse weniger ein Gleichnis für die inneren Ängste, sondern vor allem ein zum eigenen Machtgewinn benutztes Instrument der Einschüchterung seitens der kirchlichen Kreise war. Im Licht dieser Erkenntnis muss der Gehörnte als das verdrängte Böse also vor allem als Machtinstrument betrachtet werden.

Schauen wir zurück: Wir haben es in der Psyche nicht nur mit Erlebnissen zu tun, die wir tatsächlich „erlebt“ haben, sondern auch mit archetypischen Begebenheiten, die uns faszinieren, da wir sie nicht zuordnen können. Dazu sogenannte „unerlebte Wunschvorstellungen“, die wir nicht direkt erfahren haben, die aber (über Hörensagen) trotzdem so stark mit uns verbunden sind, dass wir sie als Teil unserer Erinnerungen betrachten (vor allem wenn sie wie der Gehörnte der ungeliebte Schatten des menschlichen Erlöser-Überbildes sind). Es war schon lange abzusehen, dass am Ende dieser Auseinandersetzung eine Aufarbeitung stehen würde, um dieser eigenen inneren Botschaft ein „geschichtliches“ Gewicht zu geben, denn darin scheint beim Autor die Triebfeder zu liegen, die sein bildnerisches Credo von den Themen anderer Künstler unterscheidet: Die Akzeptanz des zu Unrecht lange Zeit verdrängten und unterdrückten wilden Teiles im Manne.

Voenix’ ist ein mutiger Verfechter dieser nur vordergründig schrecklichen Gestalt, die alle unsere verdrängten inneren Ängste entzündet, ein „Advocatus diaboli“, der sich für die geschichtliche Fairness seines Schützlings einsetzt. Deshalb hat er sich aufgemacht, dieses sozusagen „unschuldige Böse“ nicht nur zu entkleiden, sondern auch auf die Strömungen im Hintergrund aufmerksam zu machen, die dafür verantwortlich waren, dass der Gehörnte zum Sündenbock für vieles Üble in der Welt zementiert werden konnte. Sein „Feld“ ist nicht nur „weit“, sondern vor allem tief: Das Wilde überlebte in einer Form von Schreibtischaggressivität (Überwachungs- und Kontrollgesellschaft oder auch „Kontrolle der Väter“), die nicht mehr von den Flammen der direkten Instinktivität, sondern vom politischen oder materiellen Vorteil angetrieben wurde. Letzten Endes ging es ihm nicht nur darum zu erklären und aufzuarbeiten, sondern vor allem aufzuzeigen, warum dieses laufend aufzuopfernde „Wilde im Manne“ beständig für die Sünden herhalten musste, damit eine Gesellschaft funktionieren konnte. Dahinter versteckt sich auch eine Art verdeckter Abrechnung mit dem „feigen Weiblichen“, dass unter dem Deckmantel der eigenen Unaggressivität das Wilde im Grunde opfert und zerstört.

So verbirgt sich hinter den äußerst interessanten biographischen Abrissen auch Thomas Vömels eigene Geschichte, die davon erzählt, wie er den Gehörnten allmählich in sich erweckte, bis dieser Archetyp als geistige Gestalt „psychisch“ in sein Leben trat. Denn als wir uns im November 1995 das erste Mal begegneten, da wurde mir beim Betrachten einiger seiner Werke schnell klar, dass hier ein echter Kämpfer für die Rückholung und die Wiederherstellung des Verdrängten vor mir stand, dabei physisch selbst wie geschaffen für die Auseinandersetzung mit dem Gehörnten.

Beenden wir diese Seite also mit der Fragestellung: Wer ist der Gehörnte wirklich und was könnten Männer und Frauen gewinnen, wenn sie sich anschickten, diesen Teil zu integrieren und dieses Stück des Verlorenen in sich wieder zurückzuerobern? Vollständigkeit? Innere Mitte? Oder gar die Kraft ihrer verkümmerten Seele…?!

 

Akron,      Schweiz/St. Gallen zur Sommersonnenwende 2012